Leseprobe: Kein Herz ohne Zweifel

 

Kapitel 1


Die Kälte der Marmorstufen ließ Cora frösteln, während sie barfuß hinunter ins dunkle Erdgeschoss schlich. Mit angehaltenem Atem öffnete sie die Tür zum Wohnzimmer und sah sich um. Der hohe Raum lag friedlich im Grau der Morgendämmerung, auf dem Tisch standen noch die langstieligen Gläser, aus denen sie am Vorabend Rotwein getrunken hatten. Cora unterdrückte den Impuls, sie in die Küche zu tragen. Sie war weder Hausfrau noch Putzhilfe. Über das, was sie war, wollte sie so früh lieber noch nicht nachdenken.
Suchend beugte sie sich von hinten über das Ledersofa, tastete nach der Strickjacke, die irgendwo unter den Kissen liegen musste. Ein paar Erinnerungsfetzen an den letzten Abend huschten durch ihren Kopf und brachten sie zum Lächeln.


Als ihre Fingerspitzen auf weiche Angorawolle stießen, atmete Cora erleichtert auf. Sie zog den Ärmel zwischen den Polstern hervor, dann streifte sie gähnend den wärmenden Stoff über ihre ausgekühlten Arme.
Eine Windböe, die geräuschvoll den Regen gegen die bodentiefen Scheiben prasseln ließ, erinnerte Cora daran, warum sie sich aus dem Bett geschlichen hatte. Sie wollte hinaus. Raus aus dem Haus des Pfarrers, solange es noch dunkel genug war, um ungesehen zu verschwinden.

 

Zögernd ging sie näher an das Fenster heran, um einen Kontrollblick auf das Nachbargrundstück zu werfen. Die neugierige Frau Menzel schien noch zu schlafen. Zumindest waren alle Rollläden geschlossen, was Cora einen unauffälligen Rückzug garantierte.
Vor zwei Wochen war sie der hochkommunikativen Mittsechzigerin schon wieder in die Arme gelaufen, hatte neben der ausführlichen Musterung auch eine Reihe unangenehmer Fragen über sich ergehen lassen müssen. Das wissende Lächeln, mit dem Frau Menzel sich schließlich verabschiedete, hatte Cora zu dem Entschluss veranlasst, in Zukunft noch früher aufzubrechen.
»Wie wäre es mit einem Kaffee?«
Seine tiefe Stimme ließ sie erschrocken zusammenzucken.
»Habe ich dich geweckt? Das tut mir leid.« Cora sah zerknirscht zu Julius, der auf der vorletzten Treppenstufe Platz genommen hatte. Den Gesichtsausdruck konnte sie im Dunkeln nicht erkennen, doch in seinem Tonfall lag ein Lächeln, als er weitersprach. »Ich hätte da eine konkrete Idee, wie du das wiedergutmachen könntest.«
»Das werde ich. Aber nicht jetzt.«
»Dann nach dem Kaffee?« Es war schwer, seinem Lausbubenlächeln zu widerstehen.
»Auf den Kaffee muss ich leider auch verzichten.« Bedauernd sah Cora abwechselnd auf ihre Armbanduhr und zur Haustür.
»Lass mich raten. Du hast Angst vor Frau Menzel.«
»Angst ist nicht das richtige Wort. Ich bin lediglich um deinen guten Ruf besorgt.«
»Darüber haben wir doch schon gesprochen. Es schadet meinem Ruf nicht, wenn jemand davon erfährt, dass du bei mir übernachtest.« Er stand auf und schob Cora vor sich her in Richtung Küche.
»Frau Menzel ist aber nicht irgendjemand«, jammerte Cora mit gespielter Verzweiflung. »Sie ist mit Abstand die größte Tratschtante in deiner Gemeinde. Stört es dich nicht, wenn sie nach dem Gottesdienst überall herumerzählt, mit wem du die Nacht verbracht hast?«
Weil das dröhnende Geräusch des Kaffeeautomaten die Küche ausfüllte, schüttelte er nur lächelnd den Kopf. Dann kam er zu ihr hinüber und versuchte ungeschickt, die Perlmuttknöpfe der Strickjacke zu öffnen, die sie gerade erst geschlossen hatte.
»Von mir aus kann jeder wissen, dass ich dich liebe«, raunte er ihr ins Ohr.
Bei seinen Worten blinzelte Cora verlegen und hielt die Hand fest, die erfolglos an der Knopfleiste herumzog. Sie hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt, wie leicht ihm seine Gefühle über die Lippen kamen.
»Können wir bitte noch ein wenig warten, bevor wir das an die große Glocke hängen?«
»Wie lange willst du denn warten?«
»Zumindest bis nach der Konfirmation. Amelie bekommt die Krise, wenn sie sich vom neuen Freund ihrer Mutter konfirmieren lassen muss.«
»Amelie ist vierzehn. In dem Alter jagt sowieso eine Krise die nächste.«
»Bitte, Julius. Der ganze Konfirmationstrubel ist ohnehin schon anstrengend genug. Christoph plant seit Wochen diese absurde Familienfeier. Allein bei dem Gedanken daran wird mir schlecht.«
»Das hat bestimmt damit zu tun, dass du noch nicht gefrühstückt hast.« Er reichte ihr einen verführerisch duftenden Kaffee.
Kapitulierend ließ sie sich auf dem Küchenstuhl nieder und beobachtete Julius dabei, wie er eine zweite Tasse füllte.
Mit der bevorstehenden Konfirmation zog für Cora ein beängstigendes Szenario am rosaroten Himmel ihrer heimlichen Liebe auf, denn seit ein paar Monaten machte Christoph kein Geheimnis daraus, wie sehr er sich eine Versöhnung wünschte. Dabei war nicht klar, ob er die zahlreichen Seitensprünge, die zum Auseinanderbrechen ihrer Beziehung geführt hatten, ernsthaft bereute. Fest stand nur, dass Christoph unbedingt wieder mit seinen Kindern unter einem Dach leben wollte. Um zu beweisen, wie ernst es ihm damit war, hatte er sogar großzügig angeboten, Cora endlich zu heiraten. Ein Neuanfang mit dem Vater ihrer Kinder war jedoch das Letzte, was Cora sich vorstellen konnte. Genau das hatte sie Christoph bereits mehrfach erklärt, aber die Beharrlichkeit, mit der er dieses Thema immer wieder zur Sprache brachte, machte deutlich, dass er Coras Weigerung nicht ernst nahm.
Von all dem hatte sie Julius natürlich nichts erzählt. Sonst würde der bestimmt noch intensiver darauf drängen, der ganzen Welt zu erzählen, dass sie ein Paar waren.


»Guten Morgen Frau van Grooten.«
Cora fluchte leise, als sie beim Öffnen des Gartentors die Stimme der Nachbarin hinter dem üppigen Fliederbusch hörte. Im nächsten Moment bewegten sich ein paar der duftenden lila Blütenrispen zur Seite. In der entstandenen Lücke erschien Frau Menzels pausbackiges Gesicht.
»Guten Morgen«, grüßte Cora ebenso freundlich zurück und sah zum Himmel. Der Regen hatte längst aufgehört. Sie hätte sich nicht von Julius umgarnen lassen dürfen. Natürlich war es nicht beim Kaffee geblieben, denn es fiel ihr zunehmend schwerer, seiner Anziehungskraft zu widerstehen.
»Einen wunderschönen Sonntag wünsche ich Ihnen. Ist es nicht ein Glück, dass die Wolken sich pünktlich zum Sonnenaufgang verzogen haben?«, säuselte Frau Menzel.
Für Coras Glück würde es im Moment ausreichen, wenn die Nachbarin sich verziehen würde. »Sie sind aber wieder zeitig aufgestanden, Frau Menzel.«
»Ich musste doch nach dem Regenguss meinen Flieder abschütteln. Er blüht in diesem Jahr außergewöhnlich früh. Normalerweise tut er das immer erst zur Konfirmation. Ihre Tochter wird auch konfirmiert, nicht wahr?«
Cora nickte und zog das Gartentor hinter sich ins Schloss. »Das stimmt.«
»Ein sehr hübsches Mädchen, Ihre Amelie. Ich habe sie sofort auf dem Foto im Gemeindebrief erkannt, so ähnlich wie sie Ihnen sieht.« Mit unverblümter Neugier musterte sie Cora von oben bis unten. »In die Kirche geht sie allerdings nur jede zweite Woche. Sicher verbringt sie, wie alle Scheidungskinder, die anderen Sonntage bei ihrem Vater?«
Den fragenden Blick quittierte Cora mit einem unverbindlichen Nicken und zeigte dann auf ihr Auto, das sie extra so geparkt hatte, dass es vom Küchenfenster der Nachbarin nicht zu sehen war. »Leider muss ich jetzt dringend los. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.«


Als sie den Motor anließ stand Frau Menzel immer noch mit einem wissenden Lächeln am Gartenzaun.
Erschöpft ließ sie sich in der leeren Wohnung auf das Sofa fallen. Amelie und Max würden vor dem frühen Abend nicht nach Hause kommen. Sie verbrachten, genau wie Frau Menzel vermutet hatte, das Wochenende bei ihrem Vater. Deswegen hatte Cora gerne zugestimmt, Julius später zum Mittagessen zu treffen. An einem Ort, wo sie niemand kannte. Wo sie sich wie verliebte Teenager aufführen konnten, ohne dadurch zum Hauptgesprächsthema der kleinen Stadt zu werden.
Die heimliche Beziehung hatte für Cora durchaus einen Reiz. Die verstohlenen Blicke und ungesehenen Küsse bescherten ihr einen erhöhten Puls, wann immer sie daran dachte. Nach der schweren Trennungszeit und dem erzwungenen Neuanfang war endlich das Gefühl der Lebendigkeit in sie zurückgekehrt. Das wollte sie noch eine Weile genießen, bevor Julius ihre Liebe der Öffentlichkeit preisgab.
Man brauchte keine blühende Phantasie, um sich vorzustellen, wie einige Frauen der Gemeinde auf diese Eröffnung reagieren würden. Schließlich hatte der ledige Gemeindepfarrer den weiblichen Fanclub nicht deshalb, weil seine Sonntagspredigten so überaus mitreißend waren. Oder doch? Cora konnte über Julius’ theologische Qualitäten nicht urteilen, denn bisher hatte sie noch keinen einzigen seiner Gottesdienste besucht.
Als Konfirmandin war Amelie diejenige, welche regelmäßig in die Kirche musste. Bislang war Cora immer eine gute Ausrede eingefallen, warum sie ihre Tochter nicht begleiten konnte. Wie würde es sein, wenn alle Bescheid wussten? Wenn es kein Geheimnis mehr war, dass den attraktiven Pfarrer und die ledige Mutter mehr verband als reine Nächstenliebe? Musste sie dann jeden Sonntag eine Stunde lang andächtig im Gottesdienst sitzen?
Auf neugierige Blicke und missgünstige Tuscheleien würde Cora gern noch eine Weile verzichten. Das Gefühl, von Julius begehrt und geliebt zu werden, war so köstlich, das wollte sie so lange wie möglich unbeobachtet genießen.
Leider schien Julius an dem kleinen Versteckspiel weniger Gefallen zu finden. Der Bitte, bis nach der Konfirmation so zu tun, als ob nichts zwischen ihnen sei, hatte er mit gerunzelter Stirn nachgegeben. Es war unschwer zu erkennen, dass er nicht verstand, wovor Cora sich fürchtete. Schließlich akzeptierte er ihre Bedenken, rang ihr jedoch im Gegenzug das Versprechen ab, kurz nach dem Fest reinen Tisch zu machen.


Unschlüssig sah Cora auf die Uhr. Während sich Julius um seine Kirchengemeinde kümmerte, wollte sie die Zeit nutzen, um in ihrer virtuellen Gemeinde vorbeizuschauen.
Der Vergleich war gar nicht so schlecht. Die Splitterherzen waren eine Facebook-Gruppe von Gleichgesinnten. Statt einer Predigt gab es täglich ein Spruchbild, über das die Mitglieder intensiv diskutierten. Vor ein paar Monaten hatte Hanne die Gruppe ins Leben gerufen und Cora ebenfalls zur Administratorin ernannt.
Durch die Treffen mit Julius blieb ihr mittlerweile jedoch deutlich weniger Zeit für die virtuellen Diskussionen. Deswegen hatten sie nun auch Tamara ins Administratorenteam aufgenommen, die sich seitdem voller Hingabe um die Organisation eines erneuten Splitterherzen-Treffens kümmerte.
Nachdenklich überflog Cora die Kommentare des Vorabends.

 


Tamara Zirstenhals

Hannelore Goldschmidt
Diese herrlichen Worte sollten wir als Wahlspruch für unsere Gruppe auswählen.


Fred Mucke
Da stimme ich dir voll und ganz zu, werte Hanne. Das ist ein überaus passender Spruch für die Splitterherzen.


Tamara Zirstenhals
Ich habe ihn mit Blick auf unser Treffen in Bad Hersfeld ausgewählt, auf das ich mich schon sehr freue.


Angela Tückmeyer
Auf das wir uns ALLE freuen, liebe Tamara. Danke, dass du dir so eine Mühe damit machst.


Sara Dudenhoff-Brand
Zu den Festspielen ist es bei uns immer besonders schön. Der Termin ist perfekt gewählt.


Hermann Gleese
Also für mich ist der Termin alles andere als perfekt. Aber auf Einzelschicksale wird hier ja keine Rücksicht genommen.


Jolante Martens
Was ist los, Hermann? Fühlst du dich vernachlässigt?


Paul Panther
Was er schreibt, klingt nach extremer Vernachlässigung. Wann hattest du ihn das letzte Mal auf dem Arm, Jolante? ;)


Angela Tückmeyer
Denke an die wertvollen Menschen, die du treffen wirst, Hermann. Die gleichen alles aus, was du auf der legendären Kegeltour verpasst.


Esther Kemper
Kegeltour? Ist das nicht so eine Wochenendveranstaltung für dickbäuchige Männer in Strickjacke? ;)


casper hauser
das war einmal. mittlerweile handelt es sich um zusammenkünfte gleichgeschlechtlicher gruppen zwecks erhöhten Alkoholkonsums und hemmungslosen triebabbaus.


Sara Dudenhoff-Brand
Kegeltouren sind vollkommen out. Internetbekanntschaften, die ins Real Life übertragen werden, sind hingegen ein echter Renner.


Tamara Zirstenhals
Siehst du, Hermann. Mit deiner Entscheidung, die Kegeltour sausen zu lassen, zeigst du, wie modern du bist.


Hermann Gleese
Apropos modern: Es kursiert das Gerücht, dass es eine Kleiderordnung geben wird. Ist da was dran?


casper hauser
solange ich nicht wieder im smoking auflaufen muss, ist mir eigentlich alles egal.


Jolante Martens
Der stand dir aber ausgesprochen gut, casper. :-)


Tamara Zirstenhals
Ehrlich gesagt, fand ich die Gala-Veranstaltung bei Hannelore sehr gelungen und liebäugle mit einem ähnlichen Programmpunkt.


Hermann Gleese
Also ohne mich, Ladies. Ich werde mich ganz sicher nicht in so einen albernen Anzug quetschen.


Jolante Martens
Du hast aber auch immer was zu meckern, Hermann. Fällt dein Verhalten in die Rubrik testosteronbedingte Trotzreaktion?


Greta Schwan
Das mit der Abendgarderobe ist hoffentlich nur ein Scherz. Ihr erwartet doch wohl nicht, dass ich mich verkleide?


Hermann Gleese
Wahrscheinlich tun sie das.


Hannelore Goldschmidt
Lasst uns jetzt bitte nicht um Dinge streiten, die noch gar nicht feststehen. Wir sind froh, dass wir nun Termin und Ort festgelegt haben.


Esther Kemper
Mir ist vollkommen egal, wie, wann und wo wir uns treffen. Hauptsache, wir treffen uns überhaupt.


Greta Schwan
Du hast gut reden, Esther. Für dich findet die Aktion sowieso quasi vor der Haustür statt. Das ist doch mit Sicherheit kein Zufall.


Paul Panther
Das Ganze ist freiwillig, Greta. Niemand zwingt dich, an dem Treffen teilzunehmen.


Greta Schwan
Kein Grund, gleich unfreundlich zu werden, Paul.


Paul Panther
Glaub mir, Greta. Du hast mich noch nicht unfreundlich erlebt.


Hannelore Goldschmidt
Das wird sie auch nicht, lieber Paul. Weil wir in dieser Gruppe alle nett zueinander sind und du dich zu benehmen weißt.

Paul brachte den Wecker mit einem gezielten Schlag zum Schweigen und kontrollierte die rot leuchtende Anzeige. Glücklicherweise hatte er sich am Vorabend schon zeitig bei den Splitterherzen ausgeklinkt, um für einen Samstagabend ungewöhnlich früh ins Bett zu gehen. Den Drang, die Gruppendiskussion weiterzuverfolgen, um aufzupassen, ob noch mehr unterschwellige Anfeindungen auftauchten, die sich gegen Esther richteten, konnte er nur schwer bezwingen. Doch schließlich siegte die strenge Stimme der Vernunft. Es war nie eine gute Idee, sich mit einem Schlafdefizit ans Steuer zu setzen.
Mit weit geöffneten Augen, die er auf keinen Fall wieder zufallen lassen wollte, drehte er sich auf die Seite. Das schwache Grau des Morgenhimmels kroch durch die nur halb geschlossenen Vorhänge und trug nicht dazu bei, das Gefühl der Schläfrigkeit zu vertreiben. Er gönnte sich fünf Minuten, um den Ablauf des bevorstehenden Sonntags zu durchdenken. Die Fahrt nach Bad Wildungen dauerte von Bremen aus ungefähr drei Stunden. Wann immer es sich einrichten ließ, verbrachte Paul die Nacht in einem preiswerten Hotel in der Nähe der Klinik. Doch an diesem Wochenende war er um einen Besuch bei seinen Eltern nicht herumgekommen. Seit Tagen hatte seine Mutter ihm mit anklagendem Tonfall in den Ohren gelegen und darauf hingewiesen, dass er seine Pflichten vernachlässigte. Das tat er wirklich. Der Zustand des elterlichen Gartens war ein nicht zu leugnendes Beweisstück für massive Versäumnisse. Deswegen hatte er zähneknirschend den kompletten Samstag dafür geopfert, alle entstandenen Rückstände aufzuarbeiten.
Mit einem Ächzen erhob Paul sich und schwang die Beine aus dem Bett. Obwohl sein Körper für einen Mann Mitte vierzig gut trainiert erschien, spürte er beim Aufrichten ein unangenehmes Ziehen in der rechten Schulter, das bis in den Arm ausstrahlte. Offensichtlich rächte sich das stundenlange Halten der schweren elektrischen Heckenschere. Mit der Linken knetete er für neunzig Sekunden an seinem Oberarm herum, verzog dabei schmerzhaft das Gesicht. Wenn seine Eltern hinterher wenigstens einen Hauch von Zufriedenheit zeigen würden. Aber anstatt eines Dankeschöns erhielt er immer nur eine Liste der Dinge, die beim nächsten Besuch zu erledigen waren. Mit geschürzten Lippen hatte seine Mutter lange die frisch geschnittene Hecke betrachtet, um dann zu fragen: »Hast Du sie absichtlich so dünn gemacht? Ich mag es ja lieber, wenn sie etwas dicker ist.« Paul verkniff sich zu erwähnen, dass sie beim letzten Mal genau das Gegenteil behauptet hatte. Er nickte nur stumm und verschwieg, dass er seit Jahren einen Zollstock benutzte, um die Eiben jedes Mal auf exakt dieselbe Breite zu schneiden. Fünfzig Zentimeter. Das nahm er ganz genau, damit er sich hinterher nicht fragen musste, ob er wirklich fehlerhaft gearbeitet hatte. Ein Ausbleiben der mütterlichen Kritik würde ihn mehr verunsichern als der immer wiederkehrende Vorwurf.
Auf dem Weg ins Badezimmer ließ er die Schulterblätter kreisen. Dann trat er vor den Ganzkörperspiegel, hob das markante Kinn und stellte zufrieden fest, dass er dynamischer aussah, als er sich an diesem Morgen fühlte. Esther machte sich manchmal darüber lustig, dass er so viel Wert auf sein Äußeres legte. Dabei spürte Paul, dass ihr gefiel, was sie sah. Besonders seine Uniform hatte es ihr angetan. Nachdem sie ein paar Fotos von Paul in Dienstkleidung gesehen hatte, quengelte sie so lange, bis er zu einem seiner Besuche in voller Montur erschien. Sogar mit Waffe. Darauf hatte sie ausdrücklich bestanden und mit lüsternem Blick über das kalte Metall gestrichen. Das Verlangen, welches sich sofort in ihm regte, hatte Paul unterdrückt, denn dieses Begehren galt nicht ihm persönlich. Das verstand er mittlerweile. Ihre plötzlich aufflammende, dann jedoch nahezu unstillbare Gier nach Sex war nur der Ausdruck einer komplizierten Erkrankung. Esther befand sich permanent auf einer Achterbahnfahrt der Gefühle, die es ihr schwer machte, ein ganz normales Leben zu führen.
In Bad Wildungen sollte sie lernen, mit den Hochs und Tiefs zurechtzukommen. Ohne Medikamente würde das wahrscheinlich niemals funktionieren, wobei die Tatsache, dass Esther jegliche Pharmazeutika verabscheute, die Therapie enorm verkomplizierte. Deswegen war es wichtig, dass Paul immer ein Auge auf Esther hatte, sie vor sich selbst beschützte. Dazu gehörte allerdings auch, dass er sie nicht anrührte. Es war von größter Bedeutung, dass er sich zusammenriss.
Unter der Dusche zählte Paul die Fliesen, während das warme Wasser sein schmerzendes Schulterblatt massierte. Zwei winzige, bräunliche Flecken in der zweiten Fuge von rechts erinnerten ihn daran, dass die Grundreinigung des Badezimmers kurz bevorstand. Im Vierwochenrhythmus säuberte er den Nassbereich mit einem scharf riechenden Chlorreiniger, beseitigte jegliche Spur von Rotschimmel, der genauso hartnäckig wiederkehrte, wie Paul ihn bekämpfte. Ein erprobter Putzplan war als Excel-Tabelle abgespeichert. Dessen laminierte Kopie, die er an der Badezimmertür aufgehängt hatte, sorgte bei seinem wechselnden Damenbesuch allerdings so oft für Erheiterung, dass er den Plan nach einer Weile wieder abgenommen hatte.
Obwohl Paul nur wenig Zeit hatte, füllte er Wasser in einen kleinen Edelstahltopf. Sonntags aß er immer ein Ei und versäumte nie zu kontrollieren, ob der Stempel auf der braunen Schale mit einer Null begann, bevor er es vorsichtig in das noch kalte Wasser legte. Den etwas höheren Preis für die ökologische Erzeugung zahlte er aus Überzeugung, wollte aber sichergehen, dass er nicht betrogen wurde. Als Zollbeamter war ihm jegliche Illusion bezüglich der Ehrlichkeit seiner Mitmenschen abhandengekommen. Er war stolz auf sein feines Gespür für Unehrlichkeit, das ihm bei der Arbeit am Flughafen oft von Nutzen war.
Um Punkt sieben wollte er losfahren. Zu dieser Zeit war eine freie Autobahn zu erwarten, so dass er spätestens um halb elf in Esthers Zimmer stehen würde. Dass auch sie gelegentlich unaufrichtig war, spürte Paul natürlich ganz deutlich. Vermutlich war das ebenfalls ein Krankheitssymptom. Oder eine Nebenwirkung der Medikamente, die Esther nur widerwillig einnahm, und von denen sie immer wieder behauptete, dass sie einen anderen Menschen aus ihr machten. Möglicherweise war es dieser andere Mensch in Esther, der es mit der Wahrheit nicht so genau nahm.

Die Tüte mit den lauwarmen Brötchen landete unsanft auf dem schmuddeligen Küchentisch. Casper war müde, und der Zustand der WG-Küche trug nicht dazu bei, seine ohnehin schon schlechte Laune zu heben. Allem Anschein nach hatte sein Mitbewohner gestern eine spontane Party veranstaltet, deren abstoßend klebrige Überreste ihm nun den Appetit verdarben. Grundsätzlich hatte Casper weder ein Problem mit Partys noch mit Nachtschichten, aber die Kombination von Schlafmangel und einer Mischung aus Bierdunst und abgestandenem Rauch überschritt an diesem Morgen seine Toleranzgrenze. Angewidert öffnete er das Fenster, sog die kalte Luft ein. Dabei blickte er den Hang hinunter, beobachtete ein paar Fahrzeuglichter, die langsam auf der Straße neben dem Fluss entlangglitten. Als er zum Studium nach Heidelberg zog, hatte er gewusst, dass er sich in dieser Idylle niemals zu Hause fühlen würde.
An dem neuen Job in der Tierarzneimittel-Abfüllung war nichts auszusetzen. Schon in der ersten Woche hatte Casper mit den beiden breitschultrigen Lageristen Freundschaft geschlossen, die ihn seitdem dazu überreden wollten, nach Feierabend mit zum Boxen zu kommen. Zuerst hatte Casper angenommen, dass sie sich über ihn lustig machten, aber Viktor und Kenan meinten es ernst. Er wäre zwar nur eine halbe Portion, doch in drei bis vier Monaten würden sie ihn so aufbauen, dass er in der Lage wäre, dem pöbelnden Pack, das sich nachts in den Heidelberger Gassen herumtrieb, die Visage zu polieren. Casper lehnte dankend ab. Gewalt lag ihm schon immer fern. Bisher war er ganz gut damit gefahren, bedrohlichen Situationen einfach aus dem Weg zu gehen.
Der einzige Nachteil seines Jobs bei Medi-Tos waren die gelegentlichen Zusatzschichten. Sie zermürbten Caspers Anstrengungsbereitschaft, denn das Wochenende war ihm heilig. Da machte er andere Dinge. Hoffentlich kam dieser arrogante Laborleiter nicht auf die Idee, so eine Sonderschicht auf den Termin zu legen, an dem sich die Splitterherzen treffen würden.
Mit einem Gähnen wandte Casper sich ab und drehte der Stadt den Rücken zu. Der Gestank in der Küche erschien ihm noch unerträglicher als zuvor. Hier würde er keinen Bissen herunterbringen. Er griff die Brötchentüte und nahm ein Stück eingeschweißten Käse aus dem Kühlschrank. Die Milchpackung stand unverschlossen neben dem gefüllten Spülbecken, in dem unappetitliche Essensreste schwammen. Misstrauisch beugte Casper sich nach vorne, schnüffelte an der Öffnung des Tetrapacks, um in der nächsten Sekunde zurückzuzucken. Er hatte die Milch gestern nach dem Frühstück dort stehen gelassen, offensichtlich hatte ihr die Übernachtung ohne Kühlung nicht gut getan. Zerknirscht öffnete Casper den kleinen Hängeschrank, in dem er die Vorräte aufbewahrte. Darin befand sich, hinter Nudelpaketen und Fertiggerichten, ein Liter Orangensaft, den er missmutig herausnahm. Seine Kochkünste waren begrenzt, aber solange er weiter in der Mensa essen konnte, kam er ganz gut über die Runden. Dass sein Studentenausweis vor fast zwei Jahren abgelaufen war, schien bei der Essenausgabe zum Glück niemanden zu interessieren. Offensichtlich sah er immer noch aus wie ein Forscher, der über tiefsinnige Fragestellungen nachsann und für den Nahrungsaufnahme deswegen von zweitrangiger Bedeutung war. Von den Leuten, mit denen er das Studium der Philosophie begonnen hatte, war längst keiner mehr da. Aus diesem Grund saß Casper meist allein auf seinem Stammplatz und beobachtete das bunte Treiben der jungen Menschen, zu denen er niemals gehört hatte.
Als er mit den spärlichen Frühstückszutaten unterm Arm sein Zimmer betrat, stellte Casper fest, dass dieses auch nicht wesentlich besser aussah als die Küche. Seufzend deponierte er alles auf der Matratze, deren fleckiges Laken eigentlich schon vor Wochen gewaschen werden sollte. Zumindest hatte der desolate Zustand des Raumes die Partygäste scheinbar davon abgehalten, sich dort niederzulassen. Die Raumluft war zwar verbraucht, aber deutlich erträglicher als der Geruch in der Küche. Kauend betrachtete Casper die gegenüberliegende Wand. Im Widerspruch zu der Unordnung, die sich mit der Zeit wie ein wild gemusterter Teppich über sein komplettes Zimmer gelegt hatte, stach dieser Bereich sofort ins Auge. Die vergilbte Raufasertapete war zum größten Teil von Papierstücken bedeckt, die in gleichmäßigen Reihen angeordnet waren. Während etwa die Hälfte der Zettel eine saubere Handschrift trugen, handelte es sich bei den anderen Blättern um Computerausdrucke und vereinzelte Zeitungsausschnitte. Seit einigen Monaten hatte sich an dieser Wand nichts mehr verändert. Caspers Forschungen waren abgeschlossen, und wenn er diesen Raum eines Tages aufräumen würde, dann könnte das zusammengetragene Material endgültig verschwinden. Casper brauchte Platz. Nicht nur an der Wand, sondern auch in seinem Kopf.
Vor dem frühen Abend würde er das Bett nicht verlassen. Ein innerer Antrieb, an diesem Tag überhaupt wieder aufzustehen, war kaum vorhanden. Vielleicht warf er später noch einen Blick in die Gruppe. An einem Sonntag war ab dem Nachmittag mit einer Diskussion bei den Splitterherzen zu rechnen. Allerdings fand Casper die Auseinandersetzungen darüber, wo ihr nächstes Treffen stattfinden sollte, nur begrenzt interessant. Es war ziemlich offensichtlich, dass einige Mitglieder die ganze Aktion unnötig verkomplizierten. Sein Leben war bereits kompliziert genug.
Schläfrig sah er auf den restlichen Käse und nahm einen Schluck aus der Saftpackung. War es wirklich nötig, die Sachen jetzt schon wieder in den Kühlschrank zu räumen? Er dachte an die Milchpackung und erinnerte sich daran, dass sein Girokonto vor ein paar Tagen ins Minus gerutscht war. In den nächsten zwei Wochen würde er den Gürtel etwas enger schnallen müssen. Deswegen konnte er sich keine weiteren verdorbenen Lebensmittel erlauben. Obwohl seine Beine schwer wie Blei waren, schlurfte er zum Kühlschrank. In der Küche war es unangenehm kalt, weil das Fenster immer noch offen stand. Casper sah sich kopfschüttelnd um. Er lebte in einem elenden Drecksloch. Daran bestand kein Zweifel.

Mit vor Aufregung geröteten Wangen sah Hanne in den bodentiefen Spiegel, der eine komplette Seite des großzügigen Ankleidezimmers einnahm. Die Seidenbluse in frischem Grün betonte geschickt ihren gesunden Teint, die neue Jeans saß tadellos. Prüfend betrachtete Hanne ihr Hinterteil, und die Freude über vier verlorene Kilogramm ließ sie übermütig damit hin- und herwackeln. Dann öffnete sie fröhlich summend eine Schublade, in der sich ein umfangreiches Sortiment modischer Accessoires befand. Für einen Sonntagsspaziergang in den Weinbergen sollte der Gürtel nicht zu protzig sein. Nach kurzem Überlegen wählte Hanne ein dunkelblaues Modell, bei dem das Designerlabel so dezent angebracht war, dass nur Kenner es bemerkten.
Sie griff nach dem bunten Seidenschal, drehte sich nochmals um die eigene Achse und fühlte sich wie ein Teenager. Ihre Tennisfreundinnen erkundigten sich seit einigen Wochen regelmäßig danach, welches Wundermittel für die auffallende Veränderung verantwortlich war. Die Erklärung, dass die Wechseljahre sie endlich aus dem hormonellen Klammergriff entlassen hatten und es ihr deswegen plötzlich blendend ging, glaubten nur die Wenigsten. Ein Großteil diagnostizierte hinter vorgehaltener Hand, der Grund für diesen Wandel läge in der Überwindung ihrer Trauer, in der sie fünf lange Jahre gefangen war. Hanne fühlte sich tatsächlich wie befreit und lächelte so unschuldig wie möglich, wenn die Nachfragen immer bohrender wurden und die Mutmaßungen gefährlich nah an die Wahrheit herankamen.
Das Hüten von Geheimnissen fiel ihr leicht. Sie war eine Meisterin der Illusion, wenn es darum ging, anderen Menschen eine heile Welt vorzugaukeln. Diese Fähigkeit war nicht nur Basis ihrer Ehe gewesen, die ein Vierteljahrhundert gedauert hatte und niemals den Anschein erweckte, dass damit etwas nicht stimmte. Auch das harmonische Familienleben mit drei Söhnen war sorgsam inszeniert. Richard legte bis zum letzten Tag größten Wert darauf, dass nur nach außen drang, was seinem Ansehen als erfolgreicher Investment-Banker nicht schadete. Er war vielleicht nicht der perfekte Ehemann, aber er war der perfekte Vertuscher, ein Verwischer von Spuren, ein Verdunkler von Tatsachen, der sein wahres Selbst nie zeigte, wenn das Scheinwerferlicht der Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet war. Wie viele Geheimnisse Richard letztendlich mit in sein dunkles Grab genommen hatte, konnte Hanne nur erahnen. Im Grunde ihres Herzens war sie sogar froh, dass er so plötzlich aus dem Leben gerissen worden war, ohne die Gelegenheit für eine letzte Beichte.
Entschieden gab Hanne der immer noch offenstehenden Schublade einen kräftigen Stoß, mit dem sie die Bilder der Vergangenheit vertrieb. Der eingebaute Dämpfer fing die kraftvolle Bewegung ab, so dass nur ein kaum noch wahrnehmbarer Ton entstand, als sich das Fach schloss.
Im Treppenhaus rief sie den Kater. Charles war nach dem Füttern verschwunden. Es war anzunehmen, dass er sich wie üblich im Atelier unterm Dach versteckte. Da Esther das Tier nicht mit in die Klinik nehmen durfte, war der Kater in Idar-Oberstein geblieben und zeigte sich seitdem als dankbarer Mitbewohner. Tagsüber schlief er, außer wenn es etwas zu fressen gab. Nachts war er ein freundlicher Gesellschafter, der die von Schlaflosigkeit geplagte Hanne auf Schritt und Tritt begleitete. Bei den ausführlichen, nächtlichen Telefonaten lag er bevorzugt schnurrend auf ihrem Schoß und ließ sich genüsslich über das schwarze Fell streicheln. Einziger Streitpunkt war die Regel, dass Charles das Haus verlassen musste, wenn Hanne nicht da war. Selbst wenn sie ihre Staffelei im Garten aufbaute, um draußen zu malen, trug sie ihn eigenhändig heraus. Das weiche Lager auf dem Liegestuhl ignorierend, saß er dann mit vorwurfsvollem Blick vor der verschlossenen Terrassentür und stieß jämmerliche Laute aus. Wahrscheinlich war er aus Angst, wieder einmal in den Garten verfrachtet zu werden, ins Dachgeschoss geflüchtet. Hanne rief ein zweites Mal seinen Namen, obwohl es unwahrscheinlich war, dass ihre lockende Stimme Eindruck auf ihn machte. Wenn er nicht ständig etwas kaputt machen würde, sobald er alleine im Haus war, hätte Hanne an diesem Sonntagmorgen Gnade walten lassen. Aber bisher musste sie ihre Weichherzigkeit immer wieder bereuen. Deswegen stieg sie nach kurzem, hoffnungsvollem Warten die Treppe hinauf und sah sich suchend um.
Ihr Blick streifte das unvollendete Bild auf der Staffelei. Sie betrachtete den kräftigen, dornigen Rosenzweig, an dem schwermütig eine fast verwelkte Blüte in dunklem Weinrot hing, während schräg dahinter eine neue Knospe zaghaft erste leuchtende Farbe zeigte. Hanne plante, dieses Gemälde in der nächsten Woche fertigzustellen. Doch sie wusste bereits, dass ihr der Mut fehlen würde, ihm diese Arbeit zu zeigen. Dabei interessierte er sich über alle Maßen für ihre Kunstwerke, wie er Hannes Bilder voller Bewunderung nannte. Sie erläuterte gerne, woran sie arbeitete, manchmal besprachen sie sogar Ideen für zukünftige Projekte. Nur bei dem Rosenzweig machte sie eine Ausnahme, denn die Botschaft des Bildes war viel zu offensichtlich. Im Gegensatz zu den Menschen, die in ihren Werken nur belanglose Pinseleien sahen, würde er verstehen, was mit diesem Arrangement aus Vergänglichkeit und Neubeginn gemeint war. Er wusste, dass Hanne den Drang, ihre Gefühle auf eine Leinwand zu bringen, nur schwer bezwingen konnte. Fred würde auf den ersten Blick wissen, was dieses Bild bedeutete. Die Aussage der sterbenden Blüte, des sich lösenden Blattes, das nicht fallen wollte, obwohl sein dunkles Rot schon in ein totes Braun überging, würde ihm sofort ins Auge springen. Doch weil sie sich stillschweigend darauf geeinigt hatten, die Augen vor der grausamen Wahrheit zu verschließen, durfte er das Bild nicht zu Gesicht bekommen.
Der Kater verkroch sich immer an der gleichen Stelle hinter dem Sofa. Hanne schob ihm die Hände unter den Bauch und hievte das schwere Tier ächzend über die Lehne.
»Entweder hörst du auf, dich da zu verstecken, oder ich setze dich auf Diät.«
Unbeeindruckt von den ärgerlichen Lauten, die Charles ausstieß, trug Hanne den Kater bis auf die Terrasse. »Leg dich in die Laube. Da ist es trocken. Futter habe ich dir auch hingestellt.«
Er würde wie immer nichts davon anrühren, stattdessen bis zu ihrer Rückkehr beleidigt vor der Terrassentür ausharren.

Der Frühstücksraum war halbleer, als Esther müde an ihren Platz schlurfte. Sie hatte weder Hunger noch Durst. Jedes Bedürfnis wurde von einer bleiernen Müdigkeit überdeckt, die Esther nur überwunden hatte, weil sie wusste, dass Paul zu Besuch kam. Ansonsten wäre sie liegen geblieben. Am Wochenende konnte sie sich das ausnahmsweise erlauben. Da wurde das Therapie-Korsett ein wenig gelockert. An allen anderen Tagen befand Esther sich unter Beobachtung, was beinhaltete, dass jegliche Abweichung vom Behandlungsplan eine ausführliche Rechtfertigung erforderte. Wenn sie nicht immer so entsetzlich müde wäre, hätte sie sich schrecklich darüber aufgeregt. Aber dafür fehlte ihr einfach die Energie.
Casper meinte, sie wäre hoffnungslos überdosiert. Na toll. Seit mehr als drei Monaten erklärte sie nun schon, dass sie diese Dreckspillen nicht schlucken wollte. Erst jetzt fiel endlich jemandem auf, dass dieses Teufelszeug sie systematisch vergiftete, ihr das Hirn verstopfte, so dass jeder Gedanke sich mühevoll durch die Windungen quälen musste wie durch einen zähen Brei.
Leider war Casper der Einzige, der die Klinik mit ihren nervtötenden Therapien nicht in den Himmel lobte. Hanne und Paul mussten diesen Laden ja gut finden. Schließlich hatten sie Esther dazu überredet, nach Bad Wildungen zu gehen. Plötzlich war keine Rede mehr davon, dass es schön wäre, wenn die Klinik in ihrer Nähe wäre. Alles drehte sich nur noch um das herausragende Therapiekonzept und um die Vorteile, die damit verbunden waren. Warum merkte sie jetzt nichts von diesen Vorteilen? Warum war es jetzt genauso, wie Esther es in ihren schlimmsten Vorahnungen befürchtet hatte?
»Darf ich mich zu dir setzen?«
Träge hob Esther den Blick, der gedankenverloren auf ihren Teller gerichtet war. Vor ihr stand der fette Friedhelm. Er verlagerte sein spektakuläres Gewicht nervös von einem Fuß auf den anderen, dabei sah er mit einer Mischung aus Hoffnung und Angst zu Esther herunter.
»Willst du dir heimlich ein zweites Frühstück reinziehen?«
»Am Büffet stehen überall Spione.« Gierig sah er auf Esthers Tablett, die augenblicklich bedauerte, dass sie sich nicht mehr auf den Teller geladen hatte. Das Essen hier war wirklich gut. Zumindest so gut, dass Paul es in den Katalog der entscheidenden Klinikauswahlaspekte aufgenommen hatte. Leider verdarb das ganze Drumherum Esther regelmäßig den Appetit. Aber Friedhelm schien alles ausgezeichnet zu schmecken. Mit einem verschwörerischen Grinsen schob sie ihr Frühstück auf die andere Seite des Tisches, wo der korpulente Mann sich erleichtert niederließ. Schweigend beobachtete sie, wie er damit begann das Ei zu pellen, was aufgrund seiner bis aufs Nagelbett abgekauten Fingernägel eine kleine Herausforderung war. Auf Friedhelms Stirn und der wulstigen Oberlippe bildeten sich blitzschnell zahlreiche Schweißtropfen. Esther wusste, dass die Angst, beim Essen erwischt zu werden, ihm einen besonderen Kick gab. Natürlich durfte sie diese heimliche Fresserei nicht unterstützen, aber einerseits tat er ihr leid, andererseits gab es Esther einen besonderen Kick, das hervorragende Therapiekonzept zu unterlaufen.
Friedhelm schob das komplette Ei in den Mund und sah Esther dankbar an. Die kleinen Augen mit den hellen Wimpern erinnerten Esther an ein Schwein. Wie alt war er wohl? Mitte zwanzig? Oder wie Esther über dreißig? Das Übergewicht verzerrte seine Gesichtszüge, machte es schwierig, das Alter einzuschätzen.
Während ihr Gegenüber damit begann das Brötchen aufzuschneiden, dachte Esther darüber nach, ob er schon einmal richtigen Sex gehabt hatte. Sie selbst hatte definitiv viel zu lange keinen mehr gehabt. Das lag wahrscheinlich auch an diesen elenden Pillen.
»Warum nimmst du für ein ganzes Brötchen nur eine Scheibe Käse?« Friedhelms Stimme klang weinerlich.
»Schätzchen. Wenn du willst, dann hole ich dir noch eine.«
»Nein.« Ängstlich sah er sich um. »Das fällt auf. Können wir uns zum Mittagessen wieder hier treffen?«
»Tut mit leid. Ich bekomme gleich Besuch. Zum Mittagessen gehe ich dann aus.«
»Wer kommt? Der Vampir? Der Polizist? Oder die Queen?« Enttäuscht sah Friedhelm auf das mager belegte Brötchen und klappte es zusammen.
Esther verzog das Gesicht zu einem müden Grinsen. »Der Polizist. Aber in Wirklichkeit ist er Zollbeamter.«
»Wo geht ihr essen? In einem Restaurant? In der Stadt gibt es einen Griechen. Da kannst du dir die Reste einpacken lassen.«
»Paul entscheidet, wo wir hingehen. Ich weiß nicht, ob ich dir dann etwas mitbringen kann.« Wahrscheinlich würde Paul sofort dahinterkommen, dass das Essen nicht für sie selbst war. Schließlich hatte sie ihm schon so oft von ihrer Appetitlosigkeit erzählt, dass so eine Aktion ihn sofort misstrauisch werden ließ. Wenn er herausbekam, für wen das Essen wirklich bestimmt war, dann gab es nur unnötigen Ärger.
»Nächste Woche kommt wieder die Queen. Mit der kann ich zum Griechen gehen und dann bestelle ich einen großen Grillteller zum Mitnehmen.«
Bei der Aussicht sackte Friedhelms Mundwinkel nach unten, so dass Esther freien Blick auf das halb zerkaute Brötchen hatte. Angewidert drehte sie den Kopf zum Fenster, während sie weitersprach. »Der Vampir kommt immer am ersten Wochenende im Monat. Aber dann gibt es nur Pommes mit Ketchup.«
»Mit der Queen gehst du zum Griechen?« Die Hoffnung auf den Grillteller hatte sich scheinbar in Friedhelms Kopf festgesetzt.
»Klar.« Esther war sich sicher, dass Hanne ihr den Wunsch nicht abschlagen würde. Genauso sicher war sie, dass Hanne nichts dagegen hatte, wenn Esther Essen mit in die Klinik nahm. Zumindest solange sie nicht verkündete, dass sie damit einen Fresssüchtigen mästete.
»Der Vampir isst Pommes? Ich dachte, die brauchen nur frisches Blut.« Kichernd griff Friedhelm nach dem Orangensaft, der auf Esthers Tablett stand.
Mit verschwörerischem Blick beugte Esther sich über den Tisch und flüsterte: »Die Pommes sind nur für mich. Casper saugt die jungen Mädchen aus, die sich hinter der Pommesbude heimlich zum Rauchen treffen.«
Sein feistes Gesicht verzog sich zu einem Grinsen. »Bringst du mir eine Currywurst mit, wenn er das nächste Mal mit dir da hingeht? Macht nichts, wenn die kalt ist.«
»Klar.« Esther war immer wieder überrascht, dass es Leute gab, die noch viel kaputter waren als sie selbst. Dann stand sie auf und sah mit einem schiefen Lächeln auf Friedhelm herab. »Schönen Sonntag noch.«
Der dicke Mann nickte ihr traurig zu, leckte an seinem Zeigefinger und wischte damit die letzten Krümel auf dem leeren Teller zusammen.

Das linke Auge zugekniffen, richtete sie die Kamera auf ihn. Auch durch das Teleobjektiv sah er verboten gut aus. Cora zoomte sein Gesicht noch ein Stück zu sich heran. Das verliebte Kribbeln in ihrer Magengrube wurde stärker, je näher ihr sein Gesicht auf dem Display erschien. Als sie es nicht mehr aushielt, drückte sie auf den Auslöser.
Julius bekam von dem kleinen Fotoshooting nichts mit. Gedankenverloren schlenderte er über den Parkplatz des Waldrestaurants, das er für ihr Treffen ausgewählt hatte, und sah sich suchend um. Die Bank, auf der Cora Platz genommen hatte, stand etwas abseits. So dauerte es eine Weile, bis er sie darauf entdeckte.
»Du hast deine Kamera mitgebracht.« Er strahlte sie an. »Was hast du vor?«
»Nichts Besonderes.« Cora stand auf und ließ sich von ihm umarmen.
»Dann komm mit.«
»Wohin? Ich dachte, wir gehen essen.«
»Bist du denn so ausgehungert?« Lachend zog er sie mit sich einen Weg entlang, der vom Parkplatz aus in den Wald hineinführte. »Wo ist deine Abenteuerlust? Hast du die zu Hause gelassen?«
Ihr heimliches Verhältnis erschien Cora eigentlich schon abenteuerlich genug. Aber diesem Mann mit den unternehmungslustig funkelnden Augen folgte sie auch gerne in den Frühlingswald – selbst mit leerem Magen.
Nach wenigen Minuten verließen sie den Hauptweg und bogen in einen nach rechts abzweigenden Pfad ein. Julius schien genau zu wissen, wohin er wollte. Mittlerweile war der Weg so schmal, dass sie hintereinander herlaufen mussten. Die Mittagssonne ließ das hellgrüne Blätterdach der mächtigen Buchen in unzähligen Nuancen leuchten. Verzückt blieb Cora stehen und richtete ihre Kamera nach oben. Sie würde dieses Bild mitnehmen – für die Splitterherzen. Ein passender Spruch würde sich mit Julius’ Hilfe bestimmt finden lassen.
Als sie den Blick wieder nach vorn richtete, war Julius auf dem gewundenen Weg bereits hinter der nächsten Biegung verschwunden. Schnell setzte sie sich in Bewegung, um ihm zu folgen und erreichte nach wenigen Metern eine alte, steinerne Treppe, die an einem Felsen entlang in eine Senke zu führen schien.
»Bist du da unten?«, rief sie.
»Ja. Komm runter. Aber sei vorsichtig. Es ist etwas rutschig.«
Die Stufen waren steil. Mit einer Hand suchte Cora an der bemoosten Felswand Halt, mit der anderen hielt sie ihre Kamera fest.
»Was ist da?«, fragte sie nach unten.
»Das musst du dir selbst ansehen.«
Der Anblick verschlug ihr für einen Augenblick den Atem. Julius stand am Rand eines kleinen Sees, in dem sich das grüne Blätterdach spiegelte. Das Wasser war außergewöhnlich klar, so dass man an einigen Stellen bis auf den felsigen Grund sehen konnte. Große Steine umrahmten die Wasseroberfläche in einer ungleichmäßigen Linie, dazwischen wuchsen zartrosa Blumen, die Cora nicht kannte. Sofort hob sie die Kamera, um die märchenhafte Atmosphäre dieses Ortes einzufangen.
»Es ist fantastisch«, hauchte sie, während sie am Objektiv drehte.
»Ich dachte mir, dass es dir gefällt.« Aufmerksam beobachtete Julius eine Weile, wie Cora fotografierte. Dann ging er zu ihr hinüber und nahm ihr mit sanfter Gewalt die Kamera aus der Hand, die sie nur widerstrebend hergab.
»Was soll das. Ich dachte, deswegen sind wir hier?«
Julius schmunzelte, als er die Andeutung einer Zornesfalte zwischen Coras Augenbrauen entdeckte. »Keine Sorge. Du bekommst sie gleich zurück.« Dann ging er ein paar Schritte rückwärts und richtete die Kamera auf Cora.
»Was machst du da?«
»Ein Bild von dir.«
»Wofür?«
»Für mich.«
»Ach komm.« Verlegen sah Cora zu Boden.
»Schau nach links, nicht nach unten.«
Nachdem er sie an diesen verzauberten Ort geführt hatte, wollte sie ihm seine Bitte nicht abschlagen. Dabei ließ sie sich ausgesprochen ungern fotografieren.
»Das war es schon.« Zufrieden senkte Julius das Objektiv, um das Display zu kontrollieren, und kam auf sie zu. »Siehst du.« Er hielt ihr den kleinen Monitor hin, damit sie das Bild ebenfalls begutachten konnte. »Was sagst du?«
Cora sah sich selbst – lächelnd, ihre Augen strahlten. Das Blaugrün des Felsensees spiegelte sich in ihnen wider.
»Und?«, fragte er neugierig. »Gefällt es dir?«
»Es ist eines der schönsten Bilder, das jemals von mir gemacht wurde.« Sie sah zu ihm hoch. Nun glänzten auch seine Augen blaugrün. Bevor er etwas erwidern konnte, versiegelte sie seine Lippen mit einem Kuss.

Ende des 1. Kapitels

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